Predigten in bewegenden Zeiten (9) Ostersonntag / 4. April 2021 | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht von Rainer Leffers am Mi., 7. Apr. 2021 09:12 Uhr

Erfüllte Erwartung.

Predigt zu Kolosser 3, 1-4

Matthias Wolfes

Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit.“

(Text nach: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift, Stuttgart 1912)

Liebe Gemeinde,

wir lesen und hören die Ostergeschichte, die neutestamentlichen Schilderungen der Auferstehung Jesu. Das bedeutet: Der Blick ist nach vorne gerichtet. Wir richten unseren Sinn auf das bevorstehende, auf das kommende Leben.

Da ist das Grab plötzlich leer. Der Tod ist überwunden. Das ist das Wesentliche dieser Berichte. In ihnen wird als eine geschichtliche Begebenheit gefasst, was doch ein ganz und gar Unfassliches zum Ausdruck bringen soll.

Eine unüberschaubare Vielzahl von Deutungen hat sich an diese Botschaft von der Überwindung des Todes durch das Leben geknüpft. Im Grunde sind alle Schriften des Neuen Testamentes selbst solche Deutungen. Auch der heutige Text aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Kolossä ist eine solche Deutung.

I.

Es ist leicht zu sehen, dass die Sätze des Apostels einen fordernden Gehalt haben. „Wenn ihr nun also mit ihm auferstanden seid“ bedeutet: „Sofern das der Fall ist, dann ...“. Wann aber sind wir denn mit Christus auferstanden? Das „Auferstanden sein“ – und zumal „mit Christus“ – meint die Überwindung des Todes, die Lösung aus den Banden des unlebendigen Lebens. Auferstanden ist derjenige, der zu einem „wahren Leben“ gefunden hat, christlich gesprochen: einem Leben mit Gott, einem Leben aus Glauben.

Es handelt sich um einen Weg. Das Bild besagt: Du bist aufgebrochen in der Dunkelheit und findest nun zum Licht. Was das Dasein im ganzen ausmacht, das Gehen, Laufen und Hinstreben, gilt auch für alles, was mit der Erfüllung, dem Gelingen zu tun hat. Auch zum gelingenden Leben muss man gelangen. Zu einem solchen Leben aber, sagt der Text, findet ein Christ durch Christus. Denn er ist ihm auf diesem Weg vorangegangen. Er ist es, der die Orientierung gibt.

Wir wollen uns das auch an diesem Osterfest wieder ganz deutlich machen: Zwar sind wir uns dessen ja schon bewusst, dass es auch für uns gilt: Wir sind „mit Christo auferstanden“. Doch zugleich wissen wir, dass es dazu erst hat kommen müssen. Man kann wohl auch sagen: Es muss immer erst dazu kommen. Wir können uns nicht damit begnügen, uns selbst zu sagen, wir seien schon in jener Fülle, jener Erfülltheit, die uns eröffnet worden ist. Sondern unser Streben dahin dauert immer weiter an. Das Streben selbst ist es, um das es eigentlich geht.

Was wir wirklich haben, ist das Ziel. Davon, es sei bereits erreicht, spricht keiner. Und das kann auch nicht anders sein. Denn in dem Moment, in dem wir das behaupten wollten, hätten wir das Erreichte schon wieder verloren. Die Erwartung ist wichtiger als ihre Erfüllung. Die „Auferstehung“, von der der Kolosserbrief spricht und die uns zuteil geworden sein soll, ist das Auferstehen in ein Leben der Erwartung.

Nur die Erwartung kann den Tod überwinden. Erwartung ist die Haltung des Überwindens. Sie überwindet, indem sie darüber hinaus geht. Sie ist nicht an die Endlichkeit gebunden, und gerade darin ist sie gegründet. Erwartung ist die Grundhaltung des Seins aus und mit Gott. Christlicher Glaube ist Erwartung aus der Gewissheit. Er ist gewisse Erwartung und erwartende Gewissheit.

II.

Das führt nun zu dem zweiten, dem „Droben“. Es heißt in unserem Text: „Trachtet nach dem, was droben ist.“ Auch da muss man nicht lange raten, was gemeint ist. Der Gegensatz ist offen ausgesprochen. Wir wissen, wie Lebenswege verlaufen, die ganz und gar an das Hiesige gebannt sind. Ein christliches Leben kann das nicht sein. Mit dem „droben“ meint der Apostel eine andere Orientierung, eine die um „Gut“ und „Nicht gut“, um „Richtig“ und „Nicht richtig“ weiß. Gewiss ist es oft nicht einfach, diese Unterscheidung anzuwenden, zumal man über die Folgen des eigenen Tuns keine volle Kontrolle hat. Aber so weit muss man auch nicht gehen. Es genügt, wenn man sich von seinem Gewissen führen lässt.

Jene Forderung bezieht sich wiederum auf die Erwartung. Vieles, was wir erwarten, ist eigensüchtig, es ist verblendet, sieht die anderen nicht in ihrem Recht und verzerrt alles. Oft ist es auch gar nicht am Platz, etwas zu erwarten; vielmehr soll man an der Sache, um die es geht, einfach arbeiten, fleißig und stetig, dann wird sie sich auch einstellen; ich brauche sie deshalb gar nicht „erwartet“ zu haben. Es ist unsinnig, eine gute Ehe, eine Freundschaft, ein gesichertes Leben oder einen guten Ruheplatz im Alter zu erwarten.

Die Erwartung, die uns heute erfüllt, ist ganz anders. Es hängt nicht von uns selbst ab, ob und wie sie sich erfüllt. Diese Erwartung hat ihre Erfüllung in sich selbst. Sie ist keine Erwartung, die auf Bestätigung aus wäre. Diese Erwartung erfüllt sich darin, dass sie uns die Kraft gibt, zu überwinden. Glaube ist Überwinden, denn er ist Erwartung aus Gewissheit.

Überwinden ist schwer; die Hoffnung bewahren angesichts von etwas, das überwunden werden soll, noch schwerer. Wenn es wirklich eine Bewährungsprobe des Glaubens, des Vertrauens auf Gott, gibt, dann ist sie hier: die Hoffnung zu bewahren, auch wenn alles dagegen spricht. Zu hoffen gegen den Anschein der Wirklichkeit, das ist das Wesen des Glaubens.

Worauf zu hoffen ist, das kann uns auch wieder nur unsere eigene innere Stimme sagen. Der neutestamentliche Text nennt es offenbares Leben oder auch „Herrlichkeit“. Das hat man in sein eigenes Leben zu übersetzen. Es kann das erneute Zusammenkommen mit einem geliebten Menschen sein (jenseits der Zeit), die Wiedergewinnung körperlicher Kraft und Unversehrtheit, es kann sich überhaupt auf einen anderen beziehen und gar nicht mich meinen. Jedes Leben und jede Lebenslage führt zu einer anderen Wahrheit des Hoffens. Allem gemeinsam aber ist das Überwinden. Überwinden ist Festhalten der Hoffnung; und festgehaltene Hoffnung ist der Glaube selbst.

III.

Das Osterfest ist der Ort, an dem wir – wie es auch der Apostel Paulus tut – die Herrlichkeit Christi preisen. Christus, „sitzend zu der Rechten Gottes“, ist es, dessen Herrlichkeit wir jedes Jahr wieder am Osterfest bekennen. Wir tun es wohl nicht nur und nicht immer in solchen Wendungen, wie sie uns die antiken Autoren an die Hand geben und wie sie uns im Laufe unseres Lebens vertraut und teuer geworden sind. Wir tun es auch in eigenen Formulierungen und in anderen Bildern. Für viele spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle der Gedanke des Widerstandes. Die Entschlossenheit, mit der wir als gläubige Menschen den widrigen Verhältnissen, der schlechten Wirklichkeit trotzen, hat unmittelbar damit zu tun, was an Ostern geschieht.

Der Tod wird überwunden. Er hat weder das letzte Wort noch kann er das letzte Wort übertönen. Vor der Kraft des Lebens erlischt seine Macht. Der Tod macht das Leben eben gerade nicht zunichte. Dafür steht die Auferstehung Jesu. Die Auferstehung Jesu ist das unzerstörbare Hoffnungszeichen.

In meinem Glauben mache ich mir dieses Hoffnungszeichen zu eigen. Ich bin erfüllt von der guten Gewissheit, dass den dunklen Mächten dieser Welt nicht die Oberhand gehört. Sie mögen toben und wettern, doch sie tun es mit brüchiger Gewalt. Am Ende unterliegen sie doch.

Das Osterfest ist das Fest der Hoffnung. Jesu Auferstehung steht für das Leben, die Freiheit und das Licht. Dies alles feiern wir. Wir sind dabei getragen von der Gewissheit, dass auch unser Leben geborgen ist in der Güte Gottes.

Amen.










Kategorien Predigten